Die Krise der Bauwirtschaft

Die aktuelle Übernahmeschlacht zwischen dem spanischen Unternehmen ACS und dem deutschen Baudienstleister Hochtief macht deutlich, wie tief die deutsche Bauwirtschaft in der Krise steckt. Für das deutsche Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 18,1 Milliarden Euro (2009) wird es immer schwieriger die Unabhängigkeit gegenüber des deutlich kleineren, spanischen Übernahmeinteressenten ACS (Umsatz 2008: 6,62 Milliarden Euro) zu wahren. Und langsam geht dem deutschen Unternehmen die Munition aus. Sollte ACS die Übernahme gelingen, stände die deutsche Bauwirtschaft im internationalen Vergleich noch schlechter da: gerade einmal (noch) zwei der 50 größten Bauunternehmen Europas kommen aus Deutschland.

Nachfrageeinbruch und Fehleinschätzungen

Die Ursachen dieser Krise wurden nun in einer gemeinsamen Studie des Münchner ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und der Beuth Hochschule für Technik in Berlin untersucht. Dazu wurden von den Forschen Erich Gluch (ifo-Institut) und Prof. Dr. Sammy Ziouziou (Beuth Hochschule) die Strukturänderungen der letzten 20 Jahre untersucht. Ihre Beobachtungen zeigen, dass im Zeitraum der großen Baurezession von 1995 bis 2005 viele traditionsreiche deutsche Bauunternehmen von ausländischen Konzernen aufgekauft wurden. Insgesamt ging auch die Baunachfrage in diesen Jahren drastisch zurück: 2005 wurde an Bauinvestitionen gerade einmal ein Viertel der Summe investiert, wie in den zehn Jahren zuvor. Gleichzeitig verschob sich die Nachfrage strukturell von Neubauten hin zu baunahen Dienstleistungen.

Auch die Talfahrt der Beschäftigtenzahlen vollzog sich in den letzten Jahren in einem unangenehmen Tempo. So hat sich innerhalb des Zeitraums von 1995 bis 2009 die Zahl der Arbeitnehmer im Baugewerbe halbiert: von 1,4 Millionen auf 715 000. Besonders deutlich wurde dies bei Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten, die einen Rückgang von fast 80 Prozent (von 100 000 auf 20 000 im gleichen Zeitraum) zu verbuchen haben. Bei kleineren Betrieben mit 50 bis 499 Beschäftigten beziehungsweise 10 bis 49 Beschäftigten gingen die Arbeitnehmerzahlen “nur” um 65 Prozent beziehungsweise 48 Prozent zurück. Lediglich Kleinstbetriebe konnten zulegen und von 1995 bis 2005 17 prozent mehr Leute einstellen.

Quo vadis?

Ursachen für die negativen Entwicklungen der letzten Jahre sind laut Studie vor allem die drastische Nachfrageeinbrüche nach dem “Strohfeuereffekt” der deutschen Wiedervereinigung und Fehleinschätzungen der Unternehmen über Ausmaß und Dauer der Baukrise. Aber auch der Blick in die Zukunft sieht alles andere als rosig aus: von 50 größten Bauunternehmen Europas sind gerade einmal zwei aus Deutschland. Und bald könnte es nur noch eines sein, denn im Moment ist unklar wie lang sich Hochtief noch gegen die Übernahmebestrebungen von ACS wehren kann. Bleibt also nur noch Bilfinger Berger in der Liste und die haben nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs und den Schäden an der Autobahn A38 nicht gerade das beste Image. Unsere kontinentalen Nachbarn haben da deutlich bessere Bilanzen vorzuweisen: in der Top-50 stehen 13 englische, sieben niederländische und sechs spanische Unternehmen.

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Olena Seregina

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