Neulich habe ich mich mit einer Kollegin über ihr 15-jähriges Klassentreffen unterhalten. Und wer mich kennt weiß, dass ich es liebe, Verhaltensweisen zu hinterfragen – und so ging es mir auch hier: Wir alle lieben jemanden, haben einen Freundes- und Bekanntenkreis, kennen Menschen, mit denen wir gut auskommen, die uns egal sind oder die wir nicht ausstehen können. Und je nachdem, in welcher Beziehung wir zu unserem Gegenüber stehen, haben wir mehr oder weniger Informationen über deren oder dessen Leben. Aber warum? Warum interessieren sich Menschen überhaupt für das Leben ihrer Mitmenschen? Versteht mich jetzt nicht falsch – ich will damit keinesfalls sagen, dass wir uns nicht mehr für unsere Umwelt interessieren sollen. Ganz im Gegenteil! Mich fasziniert an der ganzen Sache einfach nur, dass nicht nur einige Menschen diese Verhaltensweise haben, sondern einfach alle – und zwar nicht nur innerhalb einer Generation… Sozusagen ein seit Äonen andauerndes den Globus umspannendes Neuronenfeuernetzwerk der Neugier, Ablehnung und Bewertung.

Zweck- Neid- oder genbedingte Verhaltensgemeinschaft?

Halten wir also fest, dass wir alle möglichst viel über alle wissen wollen – deshalb gibt es auch Zeitungen, Magazine, Nachrichten, Youtube, Twitter, Instagram bzw. Facebook & Co. Aber stimmt das so? Nein! Wir alle kennen mindestens eine Person, der wir gerne aus dem Weg gehen, an der uns nur interessiert, wie wir sie möglichst schnell wieder los werden können. Aber warum ist das so? Und hier gibt es keine logische Erklärung. Freundschaften werden nicht auf den eigenen Vorteil bedacht geschlossen. Mal als Beispiel: Wenn ich einen Dachdecker damit beauftrage, mein Dach neu einzudecken, erkundige ich mich doch nicht, in welchen Verhältnissen er aufgewachsen ist oder was er als Kind, Jugendlicher oder in seinem weiteren Leben für Höhen und Tiefen, Erfolgserlebnisse und Niederlagen erlebt hat. Ich werde mit ihm nicht Blutsbrüderschaft schließen und ihn auch nicht auf meine nächste Geburtstagsfeier einladen. Und trotzdem wird er mir das Dach eher richtig eindecken können, als einer meiner Freunde, über deren Leben ich deutlich mehr weiß und die ich an meinem Leben teil haben lasse.

Bisher steht also nur fest, dass wir uns für das Leben anderer Leute interessieren und dass sich dieses Interesse im Großen und Ganzen nicht an wirtschaftlichen, politischen oder gesellschaftlichen Vorteilen ausrichtet.

Menschen, Menschheit, Kollektiv?

Wenn wir mal einen sehr großen Schritt in der Menschheitsgeschichte zurückgehen, dann sehen wir unsere in Fell gewickelten „Ur²³Großväter“, die gerade hinter irgendwas Vierbeinigem herjagen. Aber erfolgte diese Gruppenbildung, weil die sich so gut kannten und alle miteinander befreundet waren? Nein. Das war schlicht und ergreifend eine Zweckgemeinschaft: Mehrere Männer = größerer Jagderfolg und weniger Gefahrenpotential. Und auch die ersten Dorfgemeinschaften waren ebenfalls reine Zweckgemeinschaften: Als der Mensch aufhörte, umherzuziehen und sesshaft zu werden, begann er sich zu spezialisieren. Also brauchte er andere Menschen, die sich auf Gebieten auskannten, die er zu Gunsten seiner Spezialisierung vernachlässigt hatte. Aber dazu musste der damalige Mensch ja nicht unbedingt wissen, ob Waldi, der Dalmatiner vom Kalle nebenan, lieber Pedigree als Chappi frisst.

Woher kommt also das Bedürfnis der Menschen nach persönlicher Nähe und Freundschaft? Wann und wo in unserer Vorgeschichte ist der entscheidende Punkt gewesen, an dem wer oder wie viele auch immer erkannt haben, dass Freundschaften einen dicken Pluspunkt in unserem Leben ausmachen – wann hat sich diese Erkenntnis in unser genetisches Gedächtnis eingebrannt?

Finden wir den Grund vielleicht in der Suche nach unserem Platz in der Welt und – in unserer heutigen Zeit – nach unserem ganz persönlichen Platz im Universum? Liegt der Sinn der ganzen Informationsaustauscherei einfach nur darin, sich vergleichen um sich selbst einordnen zu können? Finden wir so unseren Platz im Universum? Oder wissen wir unterbewusst, dass Freundschaften – ich nenne es jetzt mal einfach „Planungssicherheit“ – in unser Leben bringen.

Wie seht ihr das? Liegt der wahre Grund für unser Interesse an Freundschaften darin begründet, dass wir unsere Kraft nicht mehr mit der Suche nach dem Platz im Universum „vergeuden“ und sie stattdessen dazu nutzen können, uns weiter zu entwickeln?